Story



Für alle,
die dabei waren!




1

Sie war immer gut in der Schule gewesen, doch in diesem Frühjahr ging alles drunter und drüber. Zum ersten Mal musste Peewee sich wieder anstrengen – nicht, weil sie sonst die Klasse nicht geschafft hätte, aber sie war ehrgeizig und wollte ein gutes Zeugnis zuhause vorlegen können. Eine Reihe vor ihr gackerten ein paar Mädchen über ihren Handys, die sie unter dem Tisch versteckt festhielten, und vorne an der Tafel stellte der Lehrer Fragen, die niemanden interessierten, weil alle die Antwort kannten. Peewee meldete sich drei mal, dann verfiel sie wieder in ihre Tagträume. Sie dachte an alles Mögliche, nur nicht an das, woran andere grade dachten. Sie dachte an ihren Exfreund, der sie gute 3 Monate zuvor aus unerklärlichen Gründen nach 1 ½ Jahren hatte sitzen lassen und an die ganzen Kerle, die nun ihr Glück bei ihr versuchten. Peewee verstand die Welt nicht mehr. Alles drehte sich plötzlich um sie, doch selbst war sie noch sehr unsicher, heulte noch ständig ihrem Ex nach und wollte von alle dem nichts wissen. Klar, sie hatte ihren Spaß am Singleleben, aber ihre Vergangenheit fehlte ihr mehr als alles andere. Sie vermisste diesen Scheißkerl und die ganze Zeit mit ihm. ‚Er ist es nicht wert’, hörte sie ständig, obwohl sie niemanden danach fragte. ‚Du schaffst das schon’, redeten ihr andere ein, doch sie wollte es gar nicht schaffen – nicht ohne ihn. Sie hatte die ganzen letzten Monate einfach gelebt. Sie hatte nichts unternommen, ihr war aber auch nicht langweilig. Sie sagte nicht viel, ihr war aber auch nicht danach. Sie war einfach nur da, für nichts zu gebrauchen.
Zum ersten mal sagte ihr Dad, dass er ihn, den Jungen der 18 Monate bei ihnen ein und aus gegangen war, umbringen würde, wenn er noch einmal ihr Haus beträte und Peewee schrie ihn dafür so sehr an, dass er noch wütender wurde. Ihre Eltern wollten helfen, machten aber alles nur noch schlimmer. Sie wünschte sich insgeheim, sie und dieser Kerl wären im Streit auseinander gegangen und nicht so, wie es passiert war; in Frieden und mit einem »Wir können ja Freunde bleiben!« von ihm. Peewee fand die ganze Welt ungerecht.
Erst die Pausenklingel riss sie aus ihren Gedanken. Geschichte war vorbei. Alle sprangen auf, liefen aus dem Klassenraum und waren einigermaßen dankbar, dass sie nun 20 Minuten Frei hatten. Peewee wurde sich erst in diesem Moment darüber bewusst, dass das alles sich ändern musste. Sie musste anfangen damit zu leben – überhaupt zu leben...

Natürlich ließ sie dieser Entschluss nicht vergessen. Vergessen wollte sie auch nicht, denn sie bereute keine Minute, die sie mit ihm verbracht hatte, doch sie tat das, was sie sich vorgenommen hatte: Sie lebte. In den folgenden Wochen traf sie sich mit den Jungen, die Interesse an ihr zeigten, flirtete, spielte, sagte ihnen aber auch, was im Moment mit ihr los war und dass sie das alles nicht so ernst nahm.
Sie war ehrlich, und weil sie auch ehrlich zu sich selbst war, sah sie plötzlich, wie gut es ihr ging. Sie war frei, konnte tun und lassen, was sie wollte, sie hatte wieder an Wochenenden Zeit und bekam eigentlich fast alles, was sie wollte – fast, denn »er« war es nicht, der ihr das alles gab.
Noch etwas änderte sich in ihrem Leben.
Sie konnte sich so sehr auf ihre Freunde konzentrieren, dass sie mehr und mehr in die Szene abrutschte, in der diese sich befanden. Punks – ihr Ex hasste sie, Peewee liebte und bewunderte sie, konnte es damals aber nie richtig zeigen, aus Angst vor dem, was nun passiert war: Ihn zu verlieren. Vielleicht war auch deswegen alles auseinander gegangen. Sie waren zu verschieden geworden, hatten zu oft verschiedene Meinungen und Ansichten vom Leben, von Politik, von allem gehabt. Sie wollte es erst nicht sehen, aber sie fühlte sich doch sehr wohl in der Szene.

Es dauerte ein weiteres halbes Jahr, doch irgendwann hatte sie so viel von anderen abgeguckt und dazugelernt, dass sie auch wirklich ernst genommen wurde. Sie gehörte dazu...




2

Dazugehören hieß, angenommen werden. Genommen zu werden, wie man war. Seinen eigenen Stil entwickeln und – was noch viel wichtiger war – seine eigene Meinung. Klar wusste Peewee, dass auch sie und ihre Freunde längst nicht auf dem Standard der Punks aus den letzten dreißig Jahren waren – aber wer war das schon noch? Im Großen und Ganzen ging es schließlich gar nicht mehr darum, »Punk« zu sein, sondern Freunde zu haben und mit ihnen Einstellung und Vorlieben zu teilen. Und trotzdem war sie immer wieder überrascht, dass sie bei den Leuten, zu denen sie aufsah und von denen sie wohl noch lernen würde, landen konnte. Letzten Endes stelle sie allerdings auch immer wieder fest, dass all diese Leute, die Iros trugen und damit natürlich besonders so aussahen, als hätten sie die große Ahnung, auch nicht viel anders waren, als sie selbst.
Schließlich ging Peewee regelmäßig mit Freunden Konzerte besuchen, Geburtstage feiern und einfach nur Spaß haben. Sie dachte nur noch vor dem einschlafen an ihren Ex und war eigentlich wieder ganz glücklich. Sie ließ sich auf kleine Affären ein und hatte über die Osterferien sogar wieder einen festen Freund, dem sie aber nicht hätte treu bleiben können, weil sie einfach noch nicht soweit war, und machte ihm das auch letztlich unter Tränen klar.
Auf einmal wollte Peewee alles anders machen. Neuer Haarschnitt, neue Einrichtung, neues Leben... Sie ließ das alles bleiben und kaufte sich für das Geld, welches sie dafür hätte bezahlen müssen, etwas, wofür sie Verantwortung tragen musste, von dem sie geliebt wurde. Ein 8 Wochen alter Schäferhund kam ins Haus. Ihr eigener. Ein Freund für die nächsten 15 Jahre. Sam, wie er hieß, war wie ein Kind für sie. Ein Kind, das keinen Vater brauchte, und das kam ihr ganz gelegen. Sie hatte wieder jemanden, der sie aufmunterte, ablenkte, der ihr zuhörte, jemanden der beinahe ihre ganze Zeit in Anspruch nahm.
Peewee fühlte sich wohl. Die ersten Wochen verabredete sie sich wenig. Sam schlief bei ihr in der Wohnung, bekam hin und wieder den Garten der Eltern zu sehen und wenn sie doch mal weg musste oder wollte, gab sie Sam an ihre Mutter, die nie einen Hund wollte, ihn jedoch liebte. So war es auch, als Sam grade 12 Wochen alt war. Peewee war auf Spikes Geburtstagsfeier eingeladen und konnte und wollte nicht absagen. Sie gab Sam also in die Hände ihrer Mutter, verabschiedete sich und bereitete sich auf eine längere Fahrt vor, denn Spike wohnte nicht gerade bei ihr um die Ecke.

Spike gehörte zu den Jungen, die Peewee bewunderte. Warum – das wusste sie selbst nicht so ganz genau, aber es war auch egal. Peewee war jedenfalls verwundert und auch ein bisschen stolz, dass er sie eingeladen hatte. Zwar wusste sie, dass sie zu denjenigen gehörte, die er zuletzt gefragt hatte, allerdings wusste sie auch, dass Spike ein sehr direkter und ehrlicher Mensch war, der nie jemanden einladen würde, der ihm nicht passt – er würde noch nicht einmal mit demjenigen reden.
Schon ihr Kennenlernen zig Monate zuvor verlief so, dass Peewee nicht die kleinste Hoffnung gehabt hatte, diesen Jungen jemals näher kennen zu lernen.
Sie waren damals durch Freunde aufeinander gestoßen. Peewee hatte versucht mit ihm zu reden, Spike hatte nur gelangweilte oder unsinnige und spöttische Antworten gegeben. Irgendwann hatten sie alle zusammen gesessen und Bier getrunken, als er ihr Bild von ihm noch verstärkte. Sie hatten alle über Beziehungen geredet, als Wanker, ein eigenartiger Typ, plötzlich angefangen hatte seiner Exfreundin nachzutrauern. Spike musste darauf natürlich eine Parole zum Besten geben und hatte gesungen: »Ist doch gar nicht wichtig – Biertrinken ist wichtig!«
Peewees Bild von ihm stand Fest. Arrogant, Egoistisch, Selbstverliebt und verdammt gutaussehend. Trotz allem hatten sie Handynummern und weiteres getauscht. Für den Fall der Fälle, dachte Peewee damals, denn so schlimm fand sie das alles dann doch nicht.
Je mehr sie sich in den folgenden Monaten unterhielten, desto besser verstanden sie sich. Peewees Bild von ihm erweiterte sich etwas und schließlich überwog doch der positive Teil. Sie mochte ihn. Er redete plötzlich mit ihr über Dinge, von denen sie es am wenigsten vermutet hätte. Zu guter letzt half sie ihm sogar bei seinen Beziehungsproblemen.
Nun war sie also im Bus auf dem Weg zu ihm. Unterwegs stiegen noch ein paar Freunde von ihr ein, die auch zu Spike wollten und das machte die ganze Fahrt schon um einiges angenehmer und lustiger. Sie fuhren durch Großstädte, durch kleine Bahnhöfe, durch Waldstücke und am Ende sogar zwischen Feldern her, was Peewee das Gefühl gab, dass sie von dem einen Kaff, in dem sie wohnte, über Umwege in ein anderes fuhr, in dem Spike zuhause war. Bei dem Gedanken daran musste sie grinsen, denn er war es jedes Mal, der sich beschwerte, dass sie so abgeschnitten lebte.
Je näher sie an ihr Ziel heran kamen und je öfter sie umstiegen, desto mehr Leute wurden sie. Erst da wurde Peewee bewusst, wie beliebt Spike wirklich war und wie viele Freunde er hatte. Sie selbst kannte von den Leuten höchstens ein drittel, aber das störte sie nicht. Sie unterhielt sich wie immer mit allen, die sich mit ihr unterhielten und knüpfte schnell Kontakte. Hätte sie damals schon geahnt, wer der Kerl war, der ihr im Bus gegenüber saß und sie hin und wieder mal schüchtern angrinste, wenn sie einen Witz erzählte oder irgendeinen unsinnigen Satz von sich gab, wären ihre nächsten 15 Stunden anders verlaufen – ganz anders.




3


Irgendwann, nachdem Peewee und die anderen festgestellt hatten, wie viele sie wirklich waren, weil am Zielbahnhof noch drei mal so viele Leute standen, die zu Spike wollten, wie sie eh schon waren, kamen sie bei jenem zuhause an.
Im Garten saßen zu Peewees Erstaunen schon etliche andere Leute, die sie nicht kannte. Viele, die sie im Bus kennen gelernt hatte, verteilten sich nun und es sah aus, als wäre Peewee die einzige, die nicht mindestens 30% der Leute kannte. Das war wohl auch ein Grund, wieso sie sich erst mal zu ihren Freunden stellte, um sich umzusehen und einen Eindruck zu bekommen, was hier eigentlich los war.

Die Meisten, die hier waren, waren Punks und Skinheads, viele stabil; echte Kanten. Viele in Peewees Alter, einige schon über 20, wenige grade 14 geworden. Rote Iros, blaue Iros, grüne Iros und extrem kurze Haare in Naturfarben. Leute mit Lederjacken, Armywesten, Parkern und Bandshirts. Wo man hin sah Stiefel – Gepflegt, kaputt; schwarz, bunt. Weiße Schnüre, rote Schnüre, blaue Schnüre, schwarze Schnüre.
Erst bei genauerem Hinsehen erkannte Peewee erleichtert auch einzelne Mädels – Skingirls und Punkmädchen. Hier ebenfalls Stiefel in sämtlichen Ausführungen, dazu teilweise Lederjacken. Zerrissene Strumpfhosen, kurze Röcke, weit ausgeschnittene Oberteile. Die meisten rauchten, alle tranken. Peewee fühlte sich schlagartig wohler, denn obwohl sie allgemein mit Kerlen besser auskam, brauchte sie auf Partys auch immer Mädels, mit denen sie lachen und umalbern konnte – auch mit 15 ½ Jahren noch.

Als sie Spike auf sich zukommen sah, ging sie ihm ein paar Schritte entgegen, umarmte und beglückwünschte ihn. Sie redeten ein paar Sätze, dann begrüßte er die anderen. Peewee hatte gute Laune. Sie besorgte sich eine Flasche Bier und gesellte sich zu zwei Mädels, die sie zwar nicht kannte, aber auf ihr Alter schätzte. Die beiden empfingen sie mit dem vertrauten großen Hallo und Umarmungen, wie Peewee es auch aus ihrem Freundeskreis kannte. Man kannte sich nicht, aber es war egal. Jeder wurde erst einmal angenommen. Meinungen über den anderen bilden, das konnte man dann immer noch.

Peewee hatte schnell gelernt, ohne großartige Vorurteile zu leben – oder es wenigstens zu versuchen, denn Vorurteile waren das größte Feindbild, welches die ganze Szene hatte.
Sie alle wurden wegen ihres Aussehens falsch eingeordnet, beschimpft, verachtet und gehasst. Der Otto-normal-verbrauchter interessierte sich einfach nicht für Fakten. Er glaubte das, was er sah. Nicht einmal das; er glaubte, was er glauben wollte, und wenn sie so über die Straße liefen, wie sie angezogen waren, oder mit der Frisur, die sie nun mal hatten, waren sie anders, und wer anders war als die Allgemeinheit, wer sich nicht anpasste, der war schlecht. Es gab nur wenige Menschen, die der Szene nicht angehörten, diese aber trotzdem kannten, kennen wollten, verstanden und akzeptierten.

Peewee setzte sich auf einen Bierkasten zu den beiden Mädchen. Eine von ihnen hieß Wee, sie war klein und vorlaut. Sie sagte was sie dachte und was sie wollte. Sie trank wie alle anderen der Mädchen Bier und alles andere, was man ihr anbot, obwohl sie grade 13 Jahre alt war, was man ihr jedoch nicht ansah. Wee hatte bunte Haare, trug als einziges Mädchen auf Spikes Geburtstagsfeier Iro und fiel trotz ihrer Größe irgendwie auf. Peewee hatte das Gefühl, dass Wee schon lange wusste, worum es eigentlich ging.

Als Peewee vor 3 Jahren angefangen hatte, sich in die Punkszene einzuarbeiten, hatte sie geglaubt, »echten« Punks ist alles egal, sie leben auf der Straße, haben bunte Haare, kaputte Kleidung und ernähren sich von Alkohol. Das erste, was sie gelernt hatte, war, dass sie so was von falsch lag, dass es schlimmer eigentlich gar nicht mehr ging. Sie hatte damals selbst das Bild von der Szene gehabt, was sie jetzt so verabscheute. Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass sie den Leuten so etwas weniger übel nahm, dafür aber versuchte, denjenigen, die dieser Auffassung waren, zu zeigen, wie es wirklich war. Peewee hatte damals gelernt, das kaum noch Punks auf der Straße lebten und dass diejenigen, deren leben nur aus Biertrinken bestand, von denen, die den Unterschied sahen, nicht als Punks sondern als Zecken bezeichnet wurden. Sie wusste auch, dass die Risse in den Hosen nicht da waren, weil die Leute kein Geld für neue Klamotten hatten, sondern, weil sie provozieren wollten, genau wie mit den Frisuren und Haarfarben.
Peewee fand damals schnell gefallen an der Szene und beschloss, weiter zu lernen. Sie hatte krampfhaft versucht, dazuzugehören, bis sie merkte, dass sie eigentlich schon mitten drin war. Es ging ihr plötzlich gar nicht mehr darum »Punk« zu sein, jedenfalls nicht direkt. Es ging darum, Freunde zu finden, die sie schon hatte, mit ihnen einen Lebensstil aufrecht zu erhalten und politische Einstellung zu teilen, was sie schon tat. Aber am wichtigsten war es, Spaß daran zu haben, und den hatte sie nun.

Peewee lernte auch das zweite Mädchen kennen. Sie sah ziemlich neutral aus. In etwa so, wie sie selbst vor 3 Jahren, wohl grade erst »dabei«. Sie hieß Goofy, benahm sich noch ziemlich kindisch, war - genau wie Wee - ziemlich vorlaut und alberte für Peewees Geschmack etwas zu viel herum. Peewee nahm sie nicht besonders ernst, hielt sich aber zurück und sagte nichts dazu. Goofy war eben erst 12 Jahre alt.
Zwei weitere Mädels, die Peewee schon aus dem Bus kannte, gesellten sich kurze Zeit später zu ihnen. Sie alle tranken und redeten, erzählten und lachten. Sie fotografierten gegenseitig ihre Ärsche und begutachteten die Kerle, die um sie herum liefen. Hin und wieder stand eine von ihnen auf, ging zur Toilette, kam danach aber auch direkt wieder dazu. Sie konnten alle gut miteinander und ein paar Bier später saßen sie auf der Wiese und aßen Gänseblümchen. Ein paar Jungs standen ihnen gegenüber, redeten und amüsierten sich über die fünf.
Langsam wurde es dunkler und als Peewee und die anderen vier sich ansahen und mehr oder weniger selbst auslachten, weil sie schon nicht mehr ruhig sitzen konnten, gab Wee Peewee einen kleinen Kuss auf die Wange und sie und die Jungs lachten weiter.
Peewee selbst wusste von diesem Teil des Abends nur noch wenig. Sie erinnerte sich daran, dass es nicht bei dem Küsschen geblieben war. Sie hatten alle fünf angefangen darüber zu diskutieren, ob sie 100%ig schwul waren und irgendwann war alles auf eine Massenknutscherei unter ihnen hinausgelaufen. Die Jungen hatten sich plötzlich verdreifacht und auch Spike stand nun dabei und guckte. Sie standen im Halbkreis um die Mädchen herum, grölten und hatten Spaß beim Zusehen..
Peewee war es plötzlich kalt und im nächsten Moment registrierte sie, dass einer der vielen Kerle über ihr stand und sie mit Bier bekippte. Sie zwang sich aufzustehen und versuchte, dass Gleichgewicht zu halten. Als sie sicher stand, grinste der Typ sie an und lief weg. Peewee rannte so gut sie konnte durch den Garten hinter ihm her. Sie wusste nicht mehr, ob er stehen geblieben war, jedenfalls stand sie ihm auf einmal gegenüber. Es war der Typ aus dem Bus, der ihr auf der Fahrt zu Spike gegenüber gesessen hatte. Sie sagte irgendwas und anstatt ihn zu Ohrfeigen, gab sie ihm aus unerklärlichen Gründen einen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich um und ging zu ihren Mädels zurück, die unverändert, knutschend auf dem Rasen saßen.
Irgendwann gingen einige der Mädels und den anderen wurde es zu kalt. Peewee lief durch den Garten und hörte sich an, was die Leute erzählten. Sie lernte viele Leute flüchtig kennen und redete bei vielen einfach dazwischen, um sich ins Gespräch einzubauen.
Je später es wurde, desto mehr Leute verabschiedeten sich auch, bis irgendwann nur noch ca. die Hälfte aller bei Spike im Garten saßen. Peewee übernachtete diese Nacht bei ihm und erkundigte sich deshalb jetzt schon mal, wer außer ihr noch dort blieb. Es waren nicht viele, aber immerhin auch zwei Mädchen. Sie setzte sich auf einen freien Gartenstuhl auf der Terrasse und wartete darauf, dass irgendwas interessantes passierte. Vor ihr auf einer Holzbank saßen ein paar Skinheads um ein leeres Fass Bier herum und redeten. Weiter weg, am anderen Gartenende, grölten ein paar Leute zu Wolfgang Petry Songs. Überall lagen Pfandflaschen herum. Einige wenige sammelten sie auf und steckten sie in ihre Kästen zurück. »Das Ende einer tollen Party«, dachte Peewee, doch der Abend war noch nicht vorbei... Der Abend ja, aber die Nacht nicht!
Sie schloss die Augen für einen Moment und versuchte, alles mitzukriegen, was um sie herum geschah. Jemand setzte sich vor sie auf die Bank. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie den Kerl von vorhin, dem sie die Bierdusche verdankte. Er hatte eines der Mädels im Arm, mit denen sie auf der Wiese gesessen hatte. Sie gaben sich Küsschen und Peewee war überzeugt davon, dass sie miteinander gingen. Sie redeten ein paar Sätze mit den beiden, in denen sie erfuhr, dass der Kerl Randy hieß, dann stand sie auf.
Wie aus dem nichts stand plötzlich Spike vor ihr. Sie hatte ihn nicht kommen sehen. Er nahm sie an die Hand und führte sie weg von allen. Er redete nicht, drehte sich irgendwann zu ihr um und gab ihr einen Kuss. Sie umarmte ihn, verstand gar nichts mehr, kümmerte sich aber auch nicht darum. Spikes Versuch, die anderen aus dieser Sache heraus zu halten, ging in die Hose und alle bekamen mit, dass die beiden sich während der letzten Stunden dieser Feier noch näher kamen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten in Peewee Spikes neue Freundin sahen und das auch nicht für sich behielten. Nur Peewee selbst wusste, dass sie sich auf all das nichts einbilden brauchte, da Spike, genau wie sie, total betrunken war. Trotzdem fand sie es unheimlich süß von ihm, als er alle, die diese Nacht beim ihm schlafen wollten, aus seinem Zimmer in den Keller jagte, damit Peewee und er alleine waren.




4

Als Peewee am nächsten Morgen erwachte, lag Spike in Shorts neben ihr. Sie selbst trug nur ein langes T-Shirt. Sie befürchtete das Schlimmste, wusste aber nichts mehr von der Nacht. »Vielleicht ist es besser so«, dachte sie sich.
Im Zimmer war es dunkel und irgendwer erzählte was von Nudelsuppe. Peewee brauchte einige Zeit, um zu begreifen, dass die Stimme aus den Computerlautsprechern kam. Knochenfabrik – sie liebte diese Band. Spike hatte Musikgeschmack. Während sie sich ihre Klamotten zusammensuchte und sich anzog, wachte auch er auf. Peewee hatte nur Kopfschmerzen, aber Spike war noch immer betrunken, das merkte sie sofort. Er zog sie an sich, küsste sie und schlief kurz darauf wieder ein. Peewee bedauerte das alles ein bisschen, weil sie genau wusste, das er sich nicht mehr an viel erinnern würde, aber der Abend war schön gewesen und sie hätte nichts anders gemacht, wenn sie an diesem Morgen noch irgendwas nachträglich hätte ändern können.
Sie lag noch eine Weile neben ihm, nickte auch noch ein paar mal ein, machte sich aber schließlich auf den Weg nachhause, denn sie musste noch mit Sam in die Hundeschule, das hatte sie ihren Eltern versprochen.

Die Rückfahrt nahm Peewee kaum wahr, denn sie schlief die meiste Zeit und versuchte sich anschließend an so viele Einzelheiten zu erinnern, wie möglich. Sie erinnerte sich daran, dass sie mit Spike auf einer Bank im Garten gesessen und geknutscht hatte. Kurz darauf waren sie mit der Bank zusammen umgefallen – genau auf den Gartenzaun, welcher sofort nachgegeben hatte und zusammengefallen war, als wäre er aus Pappe. Sie drückte sich auf den linken Arm und sah schon den blauen Fleck kommen. Ein Andenken, von dem sie länger etwas haben sollte, als von ihrem müden Blick, den sie nicht verstecken konnte.
Irgendwann kam Peewee zuhause an. Am liebsten wäre sie direkt in ihr warmes Bett gefallen, doch Sam wollte endlich wieder ihre Aufmerksamkeit erhalten und ließ sie nicht in Ruhe. Erst, als sie wieder von der Hundeschule nachhause kamen, konnte sie sich ins Bett legen und schlief sofort ein.

Peewee schlief bis zum nächsten Morgen durch und wachte mit einem riesengroßen Hunger auf. Nachdem sie ausgiebig gefrühstückt hatte, setzte sie sich an ihren Computer und schrieb über verschieden Messenger all die Leute an, die sie auf Spikes Geburtstag kennen gelernt hatte. Die beiden verrückten Mädchen Wee und Goofy und ein paar der Jungs, unter denen auch Randy war – der Kerl mit der Bierdusche. Sie bedankte sich bei ihm für diese mit ironischem Unterton und so kamen sie ins Gespräch. Sie redete mit ihm über den Abend und erfuhr unter anderem, dass sie etwas falsch verstanden hatte. Randy ging nicht mit dem Mädchen, welches auf der Gartenbank Küsschen von ihm bekommen hatte, er kannte sie nicht einmal besonders gut. Peewee nahm diese Berichtigung hin und kümmerte sich nicht weiter darum, sie wunderte sich nur.
An diesem Morgen redete sie auch mit Spike über den Abend und er gestand ihr, dass er sich an noch weniger erinnerte, als sie selbst, nur daran, dass es ein toller Abend gewesen war und er in der Nacht gut geschlafen hätte. Sie seufzte. Sollte sie ihm glauben, oder verschwieg er ihr absichtlich, was in der Nacht wirklich gewesen war? Sie würde es nie erfahren, denn er und sie waren die einzigen, die es mitbekommen hatten.
Alle mit denen sie redete, sagten, dass Spikes Feier ein voller Erfolg gewesen war und alle freuten sich auf das nächste Jahr, in der Hoffnung, wieder eingeladen zu sein, auch sie selbst dachte so.

In der Woche darauf kehrte der Schulalltag wieder ein. Peewee beschäftigte sich mit Sam und schrieb viel mit Randy. Sie lernte ihn von Stunde zu Stunde besser kennen und fing an, ihn zu mögen. Er war lieb und vernünftig und brachte sie oft zum lachen, wenn er Faxen vor der Cam machte, die sie beim schreiben inzwischen ständig anhatten. Sie tauschten Handynummern und schrieben sich auch abends spät noch SMS. Es dauerte keine zwei Tage, da fingen sie an zu flirten und sich immer wieder zu necken, und weil alles so locker lief, schlug Peewee am Donnerstag Abend vor, sich am Freitag zu treffen, weil sie noch nichts vorhatte.
Randy erschien ihr plötzlich sehr verunsichert. Er verneinte den Vorschlag zwar nicht, hatte aber auch keine Idee, was man machen könnte und lehnte ihre Ideen, Eis essen oder schwimmen zu gehen, ab.
Peewee ließ nicht locker, auch, wenn es sonst nicht ihr Ding war, Jungs zu irgendwas zu überreden, weil sie damit mal schlechte Erfahrungen gehabt hatte. Irgendetwas faszinierte sie an ihm und sie wollte ihn auf jeden Fall sehen.
Nachdem sie eine gute Stunde überlegt und diskutiert hatten, und er mehrfach erwähnt hatte, dass es sinnvoller wäre, sich irgendwann anders zu verabreden, willigte er schließlich der Idee ein, dass Peewee ihm die Haare färben könnte.
Sie freute sich, es doch noch geschafft zu haben, ihn zu überzeugen und hatte augenblicklich gute Laune. Sie schrieben noch etwas und verabschiedeten sich dann. Peewee war aufgeregt und malte sich, während sie im Bett lag, den kommenden Tag aus. Er schrieb ihr noch eine SMS in der stand, dass er sich ebenfalls freute und wünschte ihr damit eine gute Nacht. Sie schrieb zurück und schlief schließlich ein...

Am nächsten Nachmittag, als die Schule zuende war, musste Peewee sich beeilen, um noch rechtzeitig ihren Bus zu bekommen. Sie aß schnell etwas, dann ging sie auch schon los in Richtung Haltestelle. Sie hatte eine einstündige Fahrt vor sich, die ihr schließlich vorkam wie dreistündig, weil sie so aufgeregt war. Während der gesamten Fahrt redete sie sich ein, dass sie nicht aufgeregt war, glaubte sich allerdings selbst kein Wort. Als sie endlich am Zielbahnhof angekommen war, ging sie so schnell sie konnte vom Bahnsteig herunter und lief zum Bahnhofseingang, wo Randy auf sie wartete.
Sie begrüßten sich und liefen zu der Stadtbahn, die sie zu ihm nachhause bringen sollte. Alles verlief ziemlich ruhig und beide wussten nicht, was sie sagen oder fragen sollten, um die ganze Situation erträglicher zu machen. Peewee fing an zu überlegen, ob es richtig gewesen war, ihn zu diesem Treffen zu überreden, doch als sie bei ihm angekommen waren, war alles anders. Plötzlich taute Randy auf. Er stellte Peewee zuhause vor und zeigte ihr das Zimmer, was er sich mit seinem Bruder teilte, welcher aber nicht zuhause war. Peewee war erstaunt, als das erste, was sie aus seinen PC Lautsprechern hörte, Musik von den Bösen Onkelz war. Sie kannte nicht viele aus der Szene, die diese Band mochten – Ihre Lieblingsband.
Peewee fühlte sich ausgesprochen wohl und so gingen sie ins Bad um mit dem Haarefärben zu beginnen. Randy lachte, als Peewee ihm klar machte, dass er nun ganz stark an sie glauben müsse, weil sie das noch nie gemacht hatte. Sie zog sich Handschuhe an, er setzte sich vor sie auf den Klodeckel und wartete geduldig darauf, dass sie anfing. Etwas verunsichert aber andererseits auch verdammt stolz darauf, dass er sie an seine Haare ließ, begann sie, mit einem Pinsel Farbe auf seinen Iro zu streichen. Sie fingen an, über Leute zu reden, die sie beide kannten und stellten fest, dass sie sich eigentlich schon viel früher hätten kennen lernen können, da sie sehr viele gemeinsame Freunde und Bekannte hatten. Sie redeten über die Szene und über Probleme, die sie deswegen hatten. Sie tauschten Erfahrungen aus und erzählten beide, wie sie eigentlich zu Punk gekommen waren. Auch lachten sie über ihr erstes Aufeinandertreffen eine Woche zuvor.
Peewee betrachtete Randy ausgiebig. Er sah verdammt gut aus, wie sie fand. Er war groß, nicht besonders blass, hatte braune Augen, dunkle Haare und breite Schultern. Sie genoss es, ihn von oben bis unten begutachten zu können, während er vor ihr saß.
Peewee hatte zwar den Großteil der Farbe in seinen Haaren verteilt, jedoch hatte Randy auch ein paar Flecken an der Stirn und am Ohr. Sie grinste.
Irgendwas mochte sie an ihm. Irgendwas machte ihn besonders und einzigartig. Je länger sie redeten, desto besser gefiel er ihr und am Ende des Tages wollte sie gar nicht mehr nachhause fahren. Randy brachte sie noch zur Bahnhaltestelle und irgendwie war die Stimmung jetzt bedrückend. Spannung lag in der Luft und keiner traute sich, diese irgendwie zu lockern, obwohl sie beide es wollten, das spürte Peewee. Sie kamen an der Haltestelle an und Randy ging schließlich doch den ersten Schritt auf sie zu, in dem er sie fragte, was sie sich denn als Belohnung für das Haarefärben, was gut gelungen war, vorstellte. Peewee schaute ihn an. Er grinste. Es war das liebevollste grinsen, was sie je gesehen hatte. Sie biss sich leicht auf die Lippe, gab ihm ohne Vorwarnung einen Kuss auf den Mund und er ging darauf ein. Randy war sehr unsicher, das merkte sie sofort, aber es fühlte sich unglaublich richtig an.




5

Die nächsten Tage zogen sich wie Kaugummi. Es war kurz vor Pfingsten und draußen schien es mit dem Regen nicht mehr aufzuhören. Peewee saß zuhause und erzählte Sam von Randy. Er hörte geduldig zu, gab ihr jedoch weder guten Ratschläge noch irgendwelche Widerworte – wie sollte er auch. Sie dachte viel darüber nach, was im Moment in ihrem Leben passierte. Sollte Randy ebenfalls einer der Jungen sein, der sie nach ein paar Monaten wieder alleine ließ? Oder war es ihm ernst?
Peewee war verunsichert und schrieb viel mit ihm via Internet, um mehr über ihn zu erfahren. Auch ihre beste Freundin Fancy weihte sie in das bisher geschehene ein. Fancy war im Punkto ‚Männer’ ihr gegenüber immer sehr kritisch. Sie hatten verschiedene Geschmäcker und Fancy war nie wirklich überzeugt von Peewees Partnern gewesen.

Am Montag, der zu einem Tag der Pfingstferien zählte, sahen Randy und sie sich schließlich wieder – wieder bei ihm. Sie saßen in seinem Zimmer und hörten Onkelz, redeten und lachten. Das Eis zwischen ihnen war gebrochen, seit sie sich das erste Mal einige Tage davor an der Bahnhaltestelle geküsst hatten. Peewee war locker und kaum noch aufgeregt. Sie war zu einem Entschluss gekommen, der ihr sehr schwer gefallen war, auf den sie aber baute.

Noch einige Tage nach Spikes Geburtstag, als sie Randy noch kaum gekannt hatte, hatte sie nur Keen im Kopf gehabt. Einen Chaospunk wie ihn das Leben schrieb. Perfektionistisch, wenn es um seine Haare oder sein allgemeines Aussehen ging, groß, lieb, eingebildet, arrogant, selbstverliebt und verdammt leidenschaftlich. Peewee stand auf diesen Typ von Kerl, und hätte ihn auch ganz haben können, konnte sich aber beim besten Willen nicht mehr als das Abenteuer, in dem sie sich bereits mit ihm befunden hatte, vorstellen. Sie konnte selbst nicht glauben, was sie tat, als sie ihm klar machte, dass es jemanden anderes in ihrem Leben gab. Keen nahm das alles sehr locker – zu locker, wie sie fand – und so kam es dann auch, dass sie plötzlich glaubte, das richtige getan zu haben, als sie nun bei Randy auf dem Schoß saß.
Die Unsicherheit, die sie noch ein paar Tage vorher bei Randy gespürt hatte, war wie weggeblasen. Fast, als hätte sie niemals existiert. Peewee genoss seine Küsse die von mal zu mal länger und leidenschaftlicher wurden und bald den Tag ausfüllten. Sie genoss die Wärme, die er ihr gab und ließ sich vollkommen fallen, während sie bei ihm war. Sie spürte schnell, dass sie nichts mehr wollte, außer diesem Jungen, und er gab ihr das Gefühl, begehrt zu werden, wie niemand es je getan hatte.
Nur Minuten bevor sie an diesem Abend nachhause fuhr gestanden sie sich gegenseitig, was sie füreinander empfanden und Peewee war abermals fest davon überzeugt, jetzt in den richtigen Händen zu sein und das Richtige getan zu haben. Sie war glücklich.
Auf der einstündigen Rückfahrt wusste Peewee nicht, wie sie ihre Aufregung verpacken sollte und so schrieb sie erst ihm eine SMS mit Dingen, die er eh schon wusste, und einige Minuten später auch Fancy, die immer die erste war, die über so etwas Bescheid bekam, und zusätzlich vorhergesagt hatte, dass Randy mit Peewee zusammen kommen würde – irgendwann. Das war drei Tage vorher gewesen.



Fortsetzung folgt...




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